Isola delle Rose? Nie gehört …

Auf Netflix ist neuerdings ein schöner Film zu finden, der im Italien der sechziger Jahre spielt – „die unglaubliche Geschichte der Roseninsel„, den Trailer dazu findet man auch bei YouTube.

Ich habe mir den Film angeschaut … und war begeistert, wie gut Netflix das Lebensgefühl der Romagna trifft. Die Ausstattung, das Drumherum – klasse gemacht, auch wenn die hier erzählte Geschichte selbst nicht allzu anspruchsvoll ist.

Was aber wirklich interessant ist: die im Film stark vereinfachte Geschichte hat einen wahren Kern, der (im italienischen Originaltext) zum Beispiel hier und hier nachzulesen ist. Nachdem mein Italienisch leider nicht sehr weit reicht, habe ich mir die verlinkten Webseiten von Chrome übersetzen lassen und zitiere redigierte Ausschnitte mit einigen persönlichen Ergänzungen:

Die Geschichte erzählt von einer künstlichen Insel, die in den internationalen Gewässern der Adria gebaut, 1958 entworfen und im Februar 1969 abgerissen wurde , nur wenige Jahre nach ihrer tatsächlichen Öffnung für die Öffentlichkeit.

Der Erfinder der Insel war der Ingenieur Giorgio Rosa ( daher der Name „Isola delle Rose“ / „Insulo de la Rozoj“) aus Bologna, der eine Metallpfahlwohnung aus Hohlrohren entwarf, die leicht transportiert werden konnte und an ihrem Bestimmungsort verankert wurde, indem die Rohre entlüftet / mit Wasser geflutet wurden.

Die Insel sollte etwa 12 km vor der Küste von Rimini auf Höhe von Torre Pedrera gebaut werden , die italienische Seegrenze um 500 Meter überwinden und so in internationalen Gewässern liegen: ein Grenzgebiet, das keinem Staat gehört .

Das Projekt wurde in allen technischen Details ausgearbeitet und musste bald von den Leitungsgremien der Stadt Rimini genehmigt werden, da ein Gebäude auf internationalen Gewässern gesetzlich nicht in Frage gestellt werden konnte.  Der Ingenieur Giorgio Rosa fand auch die Finanzierung für den Vertrag. Das Projekt wurde als Studienplattform für wissenschaftliche Forschungen vorgestellt, aber in Wirklichkeit wollte der Ingenieur einen kleinen unabhängigen Staat von nur 400 Quadratmetern mit einer Bar, einem kleinen Hotel und einem kostenlosen Radio schaffen, das unzensierte Nachrichten verbreiten konnte.

Das Unternehmen, das die künstliche Insel baute, erhielt den Namen Experimental Society for Cement Injections (SPIC), was darauf hindeuteten sollte, dass es sich um eine harmlose Studienplattform handele. SPIC wurde von Ingenieur Rosa und seiner Frau Gabriella Chierici geleitet .

So begannen die Arbeiten und dank einer unterirdischen Bohrung, die unter dem Meeresboden eine Ader mit frischem Wasser aus dem Fluss Marecchia abfing, wurde sogar Trinkwasser auf die Insel gebracht.

Am ersten Mai 1968 erklärte sich die Isola delle Rose zu einem unabhängigen Staat, mit eigener Währung und eigenen Briefmarken;  drei rote Rosen wurde das offizielle nationale Emblem. Die offizielle Amtssprache war Esperanto, weil es aus politischen Gründen die Sprache war, die die Ideale der Insel am meisten bevorzugte.

Die Isola delle Rose wurde wenige Tage nach ihrer offiziellen Gründung auf politischer Ebene zu einer unangenehmen Realität. Der italienische Staat erkannte ein großes Problem, und die Polizei in Zivil besuchte das Gebäude oft auf der Suche nach einem Anlass, um den Abbau beantragen zu können.

Die Italienische Republik beschuldigte den Ingenieur Giorgio Rosa, eine Steueroase gebaut zu haben, in der keine Steuern gezahlt wurden. Andere Gerüchte besagten, dass die Insel an einem Punkt gegründet worden war, der für ENI (den staatlichen Energiekonzern) für Ausgrabungen von Interesse gewesen sein könnte.

Tatsache ist, dass die italienische Polizei und Carabinieri am 25. Juni 1968 die Insel militärisch besetzten und deren sofortige Demontage anordneten, nach einigen Einsprüchen nichts mehr zu tun war und nach der vollständigen Evakuierung von der Plattform am 11. Februar 1969 wurde die Insel mit 75 kg Dynamit gesprengt.

(Anmerkungen: tatsächlich finden sich bis heute in der Nähe von Rimini etliche von ENI betriebene Plattformen, auf denen Erdgas gefördert wird – ich habe die selbst schon besichtigt.
Wikipedia nennt den 13.02.1969 als Sprengdatum – wahrscheinlich zutreffender ist das detaillierte Zitat von kultur-port.deam 11. und 13. Februar 1969 mussten schließlich Spezialisten der italienischen Marine die Roseninsel mehrmals sprengen, was aber durch die ausgeklügelte Konstruktion nicht vollständig gelang. Nach einem Sturm am 26. Februar sank die Plattform und damit das Projekt und die Utopie endgültig auf den Meeresboden. Bis heute gilt der Ort bei Tauchern als beliebtes Gebiet, um die längst überwucherten Reste zu besuchen.„).

Diese Geschichte wurde in Italien um 2009 herum sogar mit Dokumentarfilmen erzählt („Estate doc“, über YouTube findet sich da einiges…). Auch die Touristeninfo Rimini kennt das Thema.

Die ganze Angelegenheit hat übrigens wohl auch dazu geführt, dass die vorher übliche „6-Meile-Zone“ der Hoheitsgewässer auf 12 Meilen ausgedehnt wurde.

Netflix hat nun eine Leinwandkomödie daraus gemacht, die mir zwei unterhaltsame Stunden beschert hat.

Was mich jedoch am allermeisten verblüfft: obwohl ich die Emilia Romagna seit 1970 regelmäßig besuche, hatte ich von dieser Geschichte noch nie etwas mitbekommen.

Man kann also auch mittels  Netflix durchaus noch was dazulernen.

 

2 Antworten auf “Isola delle Rose? Nie gehört …”

  1. Machen sie sich keine Sorgen. Ich komme aus Italien ( seit 7 Jahren in Deutschland) und kannte diese unglaubliche Geschichte nicht. Hab den Film heute mit meinem Sohn ( 17 Jahre) angeschaut. Er kannte die Story…durch Seeland..auch eine Mikro Nation in der Nähe von UK. Seeland existiert noch.
    Der Film fand ich gut. Die Stimmung, Tabu und Politik gut repräsentiert.
    Schade für Ing. Rosa und sein Traum über libertà!

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    1. Hallo Angela, danke für das Feedback. Ich glaube, für Ing. Rosa hat das Leben trotzdem eine gute Wendung genommen – er hat ja wohl sogar noch mit über 90 Jahren der Verfilmung zugestimmt. Mich hat es vielleicht auch deshalb so fasziniert, weil ich die Gegend dort (und ihr Hinterland!) wirklich gerne mag. Von der vergessenen Eisenbahn Rimini – San Marino wusste ich (in San Marino gibt es noch einen Tunnel mit einem Zug darin, und in der Nähe steht auf einer alten Brücke noch ein weiterer Wagen), aber diese künstliche Insel … unglaublich.
      Sealand war seinerzeit bekannter, glaube ich. Dort muss aber auch einiges vorgefallen sein, bis hin zur Nutzung als Standort für illegale Internetangebote. Was da heute noch los ist? Keine Ahnung. Der Wikipedia-Eintrag listet jedenfalls einiges auf… und ob die auch von Ing. Rosa angestrebte „libertà“ auf Sealand oder anderen Mikronationen wirklich jemals so richtig gut funktioniert (hat)?
      Zum Netflix-Film muss ich anmerken, dass dieser (wie die allermeisten Netflix-Produktionen) sehr stimmig ausgerüstet wurde. Die Autos, Motorräder, Kleidung, Gebäude, Musik – passt alles wirklich gut zusammen. Ich bleibe also dabei: der Film ist durchaus sehenswert!

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