Hirnfutter zum Wochenende

Die Tragödie in Afghanistan bietet Anlass für viele interessante Gedankengänge, denen man durchaus einmal folgen sollte.

Die Zivilisation der westlichen Welt, unsere Ideale und Grundüberzeugungen, sie passen nicht in alle Gegenden dieses Planeten.

Unter dem Titel „Afghanistan und China“ hatte ich vor einigen Tagen schon einmal angemerkt, dass unser westlicher Moralkompass nicht universell gelten kann.

Viktor Jerofejew hat einen sehr lesenswerten Aufsatz in der heutigen FAZ veröffentlicht.

Einige Zitate:

Da denken wir, im Westen sei schon lange die Zeit der Gottlosigkeit angebrochen. Gott sei tot, wie Nietzsche behauptete. Vielleicht ist Gott im Westen tatsächlich tot, doch der naive Glaube, die westlichen Werte seien universal und taugten deshalb für alle, floriert. Diese Werte passen wirklich oft zum Leben. Aber wo? Im Westen. Und der Westen ist sicher, dass andere Zivi­lisationen für sein Modell noch nicht reif genug seien und daher Belehrungen nö­tig hätten. In Wirklichkeit irrt der Westen mit dem Glauben an sein universales philosophisches Modell des Menschen. …

… Es existiert einfach eine andere, nicht westliche Konstruktion des Lebens, begründet auf einer an­deren Basis, auf anderen Ideen darüber, was böse und was gut ist.

Im Innern des Menschen lebt die wahnsinnige Leidenschaft, eine Angst und Schrecken einjagende Ka­lasch­nikow in die Hand zu nehmen, sich einen langen Bart wachsen zu lassen und ein grimmiger Verteidiger dessen zu sein, was er unter Gerechtigkeit versteht. Derlei Bartträger haben wir in Kuba gesehen. Sie hatten ihren eigenen Koran. Unsere Kommunisten von 1917, brutale und gnadenlose Leute, hatten auch ihren Koran – die Lehren von Marx über den Klassenkampf. In puncto ungeheuerliche Grausamkeit können die Bolschewiki mit den Taliban konkurrieren.

(Hier fehlt m.E. mindestens noch ein Hinweis auf Mao und die Kulturrevolution in China. Vielleicht kann man sogar das NS-Regime entsprechend deuten – auch wenn das hierzulande sicher missverstanden werden dürfte?)

Der Westen sitzt heute auf einem Stuhl, den es nicht gibt. Es hat ihn irgendwann einmal gegeben, diesen Stuhl, aber er ging kaputt und wurde auf den Müll geworfen. Halt bietet nur noch der im Leeren hängende Hintern: angenehme Umgangsformen, Komfort, Konsum. Auch das ist ein Wertesystem, aber seine Dynamik ist ne­gativ. An die Stelle des Humanismus treten Phänomene hypermoderner Intoleranz gegenüber gestrigen Werten. Der Kampf gegen die weltweit verbreitete se­xuelle Belästigung von Frauen, der radikale Feminismus, die Political Correctness – das ist die Philosophie unserer Ta­ge. Sie kennt keine Kompromisse.

Im Großen und Ganzen fühle ich mich in meiner Einschätzung durch den Beitrag von Jerofejew bestätigt.

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