Der Traum vom kostenlosen Nahverkehr

Manchmal kann ich gar nicht so schnell schreiben, wie ich gerne möchte.

Kaum hat die Bundesregierung in ihrer Angst vor dem Europäischen Gerichtshof eine Idee geäußert, schon sind wieder alle Reichsbedenkenträger unterwegs und stellen überall klar, warum das ja eine ganz schlechte Idee ist und auf gar keinen Fall funktionieren kann, ja sogar gefährlich wäre.

WTF??

Klar. Wenn man den Teich trockenlegen will, darf man die Frösche nicht fragen. Dass die Nahverkehrsunternehmen sich derzeit recht wohl fühlen in ihren eingefahrenen Positionen, wundert nicht. Von den Kommunen subventioniert und mit demjenigen Publikum schon voll ausgelastet, welches nicht ausweichen kann (Schüler, sozial Schwächere, etc…), sehen die gar keinen Anlaß, am bestehenden System etwas zu ändern. Da müsste man ja möglicherweise die Strecken ausbauen, Systeme ertüchtigen, engere Taktzeiten einführen, neue Fahrzeuge gar …? Was das kostet. HILFE. Wollen wir nicht, denn der Bund wirds nicht zahlen.

Denken wir doch mal andersrum.

Wären die Öffis kostenfrei nutzbar, so würden sofort mehr Leute mitfahren, klar. Die Gegner dieser Idee argumentieren damit, dass der Verkehr als solches zunähme, es würden mehr Passagiere den ÖPNV nutzen, aber die Anzahl der Autofahrer bliebe im Wesentlichen gleich. (Hä?) Mag ja vielleicht so sein, zumindest anfangs.

Wenn jedoch die Servicequalität der Öffis (Sauberkeit, Taktzeit, Fahrzeiten) einen guten Eindruck auch bei noch-nicht-Nutzern hinterlässt, und zusätzlich vielleicht sogar die ach-so-Smog-geplagten Städte über eine Citymaut den Individualverkehr nicht verbieten, aber steuern könnten … dann sähe die Welt schon wieder ganz anders aus.

Wer mit dem Auto in die Stadt MUSS, der kann das tun – kostet halt was (London hat seit vielen Jahren eine City-Maut, da klappt das ganz prima). Wer aber nur so in die Stadt WILL, der führe mit den Öffis: bequem und gratis. Das System wäre übrigens auch besser, weil europaweit leichter handhabbar als der aktuelle Wahnsinn mit länderspezifischen Reglementierungen und Plaketten für unterschiedliche Abgasstufen und Einfahrtberechtigungen…

Was aber tatsächlich stimmt: der aktuelle ÖPNV-Netzausbau gibt sowas nicht her, da wären einige Jahre der Umstellung mit massiven Baumassnahmen durchzustehen. Aber wär‘ das nicht sogar gut für die Bau- und Fahrzeugindustrie??

Fazit: ich hoffe, dass die Vernunft siegt und ein bislang unerhörter Vorschlag nicht gleich wieder von allen Interessenvertretern zerrupft wird. Ein kostenfreier, gut ausgebauter ÖPNV wäre aus übergeordnetem Blickwinkel eine tolle Sache, würde die Verkehrs- und Umweltbelastung in Ballungsräumen entspannen und bestehende soziale Ungerechtigkeiten („Sozialfahrscheine“ wären obsolet, Fahrkartenkontrollen ebenso) beseitigen. Dieser ÖPNV muss die Nutzer überzeugen, auf ihr Auto zu verzichten. Verbote sind zwar grün, aber falsch. Dass in manchen Gegenden ein bereits bestehender gratis-ÖPNV wieder abgeschafft wurde, sollte uns nicht irritieren. Der Knackpunkt liegt in einer sicheren Gegenfinanzierung, was mit City-Maut und ggf. einer Angleichung der Mineralölsteuer auf Dieselkraftstoff (Stichwort: „Besteuerung nach Energieinhalt“, machen etliche andere Länder schon lange so) machbar wäre.

Übrigens hilft ein Blick auf alte Stadtansichten aus der Vorkriegszeit – damals waren Autos selten, die Strassen wirkten breiter, und die Städte waren schöner. Einen kleinen Eindruck davon erhält man heute ab und zu bei „autofreien“ Tagen in manchen Kommunen.

 

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