Was sehen wir hier?
(wer raten will: bitte erstmal nicht weiterlesen…)

Auf einem zugegebenermassen nicht sonderlich schönen Werkstattfussboden liegen hier 16 Zylinderschrauben nebst Unterlagscheiben und Muttern.
Was hat es damit auf sich?
Seit über zwei Jahren habe ich nun den roten 400E im Bestand, und seit Anbeginn stört mich ein Brummen im Antriebsstrang, welches sich bei Geschwindigkeiten von ca. 90 km/h bemerkbar macht und mit weiter zunehmender Geschwindigkeit immer penetranter wird. Die Ursachenforschung beweist wieder einmal: der Mensch stolpert nicht über ein Gebirge, sondern eher über einen Maulwurfshügel – und das kleine Einmaleins ist die Grundlage für alles.
Etliche Probefahrten, teilweise auch mit Frequenzmessungen, hatten mich schon sehr früh zur Vermutung gebracht, dass die Gelenkwelle für das Phänomen ursächlich sei.
Daraufhin hatten wir bereits im Mai 2024 die Gelenkwelle demontiert und auf die korrekte Ausrichtung der Hälften geprüft: aha, da liegt der Fehler! Die beiden Wellenhälften waren offenbar bei einer im Jahr 2009 bei einer Toyota-Werkstatt in der Schweiz (Rechnung liegt vor!) erfolgten Instandsetzung des Kardanmittellagers um ca. 30 Grad gegeneinander versetzt montiert worden.
Dieser Fehler war mit etwas Arbeit zu korrigieren – löste aber leider das Problem nicht: das lästige Brummen blieb.
Auch der Ersatz der Achshalbwellen gegen überarbeitete Tauschteile brachte keine Besserung – nanu?
Auf diesem anläßlich unserer „Schraubaktion Mai 2024“ aufgenommenen Bild entdeckte ich dann einen weiteren Fehler:

Hier lohnt ein ganz genauer Blick.
Nach der XENTRY-Teileinformation sieht die Gelenkwelle im Fahrzeug so aus:

… und die Stückliste hierzu sagt:

Es handelt sich also (übrigens an beiden nummerngelichen Hardyscheiben) um jeweils 8 Zylinderschrauben M 12 x 1,5 x 55 nach DIN 912, M8.8, nebst Unterlagscheiben und Muttern.
Und jetzt wirds interessant. Was finden wir im Fahrzeug verbaut?

Bitte genau hischauen: die oberen acht Bolzen befanden sich an der hinteren Hardyscheibe, die unteren acht an der vorderen Hardyscheibe. Man erkennt: im Fahrzeug waren 8 Stück M12 x 1,5 x 55 vorhanden sowie weitere 8 Stück M12 x 1,5 x 60 – und ausserdem waren die Schrauben „zufällig verteilt“: hinten 5 kurze, drei lange, vorne umgekehrt.
Der Masseunterschied zwischen 55 und 60 mm langen Schrauben beträgt knapp 5 Gramm. Wenn man weiss, dass die offizielle Servicedokumentation im Falle von Geräuschbeanstandungen ein Nachwuchten mit Muttern / Scheiben in Gewichtsabstufungen von 1,5 bis 2 Gramm beschreibt, dann wird sofort klar, dass eine Unwucht von jeweils 5 Gramm an beiden Hardyscheiben für massive Störungen sorgen kann.

Dass nebenbei auch mindestens eine Mutter ganz offensichtlich nicht dem üblichen Standard entsprach (SW 18 anstelle SW19) und daher auch noch weitere Masseunterschiede kommen mochten, spielt da wohl keine grosse Rolle mehr.
Also, hier nun die Lösung des Bilderrätsels sowie des leidigen Brummproblemes: alle Schrauben / Scheiben / Muttern auf die „Solldimension“ umgestellt und liebevoll angezogen – und auf einmal fährt der Wagen genau so, wie es ein luxuriöser Achtzylinder tun soll.


Das war eine schwierige Geburt.
Warum hatten wir das vor zwei Jahren nicht schon bemerkt?
Gute Frage. Seinerzeit hatten wir die Hardyscheiben nicht demontiert, sondern lediglich das hintere Stück der Gelenkwelle entnommen, um die Ausrichtung am Mittellager zu prüfen / zu korrigieren. Und natürlich wurden die vorhandenen Bolzen und Muttern sauber gekennzeichnet und wieder in der Originalposition eingesetzt … schön blöd: das kleine Einmaleins nicht beachtet.
Aber wieso ein Toyota-Fachbetrieb (Toyota hat branchenweit höchste Qualitätsstandards) in der Schweiz (die ebenfalls für beste Qualitätsarbeit gerühmt wird) solch einen Murks zusammengebaut hat, ist mir rätselhaft.
War es damals Freitagnachmittag, und das Auto musste schnell wieder aus der Werkstatt raus?
In der Schweiz gilt ein Tempolimit von 120 km/h, vermutlich hat der Vorbesitzer des Wagens das Problem also auch nie bemerkt … und daher nicht reklamiert.


