Die Reifeprüfung.

Nach über zwei Jahren intensiver Fehlersuche und Arbeiten an etlichen Teilen steht nun die Feuerprobe an: jetzt soll das rote „Taxi Suisse“ zeigen, dass die Betriebssicherheit und Zuverlässigkeit gegeben ist.

Was ist geplant?

Wir nehmen uns über drei Wochen Zeit, starten in Nürnberg und brechen erstmal zu unseren Freunden ins Mühlviertel auf, wo wir nicht nur am Treffen „Legenden der Strasse“ in Zwettl an der Rodl teilnehmen, sondern auch ein bisschen herumfahren und ein paar nette Abende mit unseren Freunden verbringen wollen.

Schon bei der Abfahrt tritt der erste Defekt auf – das fängt ja echt gut an. Der Halteclip der fahrerseitigen Sonnenblende zerbröselt im wahrsten Sinne des Wortes, und nun hängt mir das Ding bei der Fahrt wackelnd vor dem Gesicht?
Nein, so schlimm ist es nicht. Die Sonnenblende hängt zwar etwas schief, stört aber nicht weiter. Und den gebrochenen Clip liefert Amazon in kürzester Zeit für nicht einmal 15 EUR in der passenden Farbe an unsere Freunde in Österreich; der Austausch ist eine Sache von Sekunden und benötigt lediglich einen Kreuzschlitzschraubendreher.
Die Tage vergehen zu rasch, aber nach „Sommer“ fühlt sich das noch nicht an: bis zu 7°C kalt, und immer wieder auch Regen.

Es wird heiss

Die nächste Station unserer „Grand Tour“ ist Wien: wir treffen bei 32 Grad dort ein, stellen den Wagen in die (reservierte) Parkgarage und nutzen drei Tage lang nur die öffentlichen Verkehrsmittel (übrigens: Bratislava ist eine gute Stunde mit dem Zug entfernt und durchaus einen Besuch wert).

Bei der Abfahrt in Wien stelle ich erstmals fest, dass die Kühlmitteltemperatur doch deutlich ansteigen kann, und ich höre keinen Elektrolüfter.

Da in Österreich die Parkscheiben anders aussehen als in Deutschland (und ich nur die bei Kauf im Auto gewesene Schweizer Parkscheibe dabeihabe), halte ich kurz beim ÖAMTC und bekomme dort zwei passende Parkscheiben („Parkuhren“) für Österreich geschenkt – danke dafür!

In Villach steigen wir erneut beim Bacherwirt ab; diese Adresse kennen wir nun schon seit einiger Zeit und sind damit recht zufrieden. Ein starker Regenguss zeigt am nächsten Morgen, dass die Kofferdeckeldichtung nochmal näher angeschaut werden sollte: links haben es ein paar Tröpfchen in Innere des Gepäckabteils geschafft. Nicht schlimm, aber ein kleiner Schönheitsfehler.

Zwischen Villach und dem Wurzenpass findet sich das „Bunkermuseum“ – das hatten wir schon 2023 entdeckt, seinerzeit war aber aufgrund falschen Wochentages geschlossen. Dieses Jahr haben wir besser geplant und können uns die Anlage in Ruhe ansehen: wirklich beeindruckend, was der letzte Kommandant Mag. Dr. Andreas Scherer hier nun aus der alten Militäranlage gemacht hat und wie diese als Museum betrieben wird.

Einen eingemauerten russischen T-34 findet man sonst wohl kaum mehr, und eine Mitfahrt im Schützenpanzer erlebt man ja auch nicht alle Tage … also: Empfehlung für alle Interessierten!

Auf nach Süden

Weiter geht es dann über Slowenien und die Isonzo-Strecke (mit dem Werschitz-Pass sicher eine der beeindruckendsten Bergstrecken Europas, teilweise noch mit Kopfsteinpflaster in den 50 Serpentinen! – Kranjska Gora, Trenta, Bovec, Saga heissen die Dörfer am Wegesrand) ins Friaul.

Dort biegen wir auf die Autobahn ein und rollen bei Aussentemperaturen von bis zu 40°C einige hundert Kilometer zu unserem bekannten Domizil an der Adriaküste, wo zehn faule Tage geplant sind. Sonne, Strand, gutes Essen und viel Schlaf – das funktioniert.

Ein paar Ausflüge sind natürlich auch mit drin: in San Marino kann man ausgesprochen günstig tanken (1 l E10 kostet dort nur 1,373 EUR, im umliegenden Italien jedoch gut 1,88 EUR), und Urbino als südlichster Punkt unserer diesjährigen Reise begeistert uns seit fast dreißig Jahren immer wieder.


Ja, die Zusatzlüfter am 400E laufen nicht; die Ursachenforschung ergibt eine wohl schon seit langem gebrochene 30-A-Hauptsicherung. Blöd: dieses Teil gibts bei Daimler in Norditalien nicht lagernd, wir hätten es aus Rom bestellen müssen. Daher wage ich eine Notreparatur und wir brechen über die Autobahn in Richtung Nordwesten auf. Passende Sicherungsstreifen bestelle ich zu einem Stückpreis von unter 1 EUR zur Lieferung nach Hause.

In Como (Canobbio) machen wir eine kleine Mittagspause und einen letzten Tankstopp, bevor wir in die Schweiz einreisen. Dort erwischt uns der erste Regen seit Villach, es wird kalt (17 Grad) und nass.

Pässe bis zum Abwinken

Wir überlegen kurz: es ist sehr lange hell, und wir werden im Ospizio San Gottardo übernachten. Auf dem direkten Wege wäre das nicht weit, aber wir könnten ja noch ein paar Pässe fahren? Also drehen wir eine Runde über kleinste Sträßchen über den Lukmanier-Pass, stoppen kurz am Oberalp-Pass (um den höchstgelegenen Leuchtturm Europas zu fotografieren), biegen bei Andermatt auf die Gotthardstrasse ab und treffen bei 10°C und starkem Wind am Gotthard-Pass ein.
Die Übernachtung ist aussergewöhnlich, das Gasthaus recht gut, das Frühstück ebenso – über den Preis reden wir nicht. Die Schweiz ist für Nicht-Schweizer einfach unglaublich teuer.

Der Morgen danach beginnt mit einem Stück der alten Gotthard-Paßstrasse, bevor wir in Hospental auf die Furka-Bergstrasse abbiegen. Jetzt beginnt ein spektakuläres Stück Schweiz: durch alpine und hochalpine Gegenden, über etliche Serpentinen gelangen wir der Reihe nach zum Rhonegletscher, zum Furkapass, zum berühmten Fotospot „Hotel Belvedere“, zum Grimselpass, und schliesslich auf die Alpennordseite. Über Innertkirchen und den Brünigpass erreichen wir Luzern und fahren weiter Richtung Basel, wo wir in Liestal den Vorbesitzer unseres Autos treffen werden.

Das Treffen mit dem alten Herrn und seiner Familie ist einer der Höhepunkte unserer Reise: Walter H. hätte wohl nie gedacht, dass er nochmals in seinem alten Mercedes sitzen würde, den er Anfang 2024 aus gesundheitlichen Gründen verkauft hat und dem er heute noch irgendwie nachtrauert. Natürlich machen wir eine ausgiebige Probefahrt, und natürlich haben wir ihm ein passendes Souvenir mitgebracht.

Ja, das Hobby „alte Autos“ bringt Menschen zusammen und schafft manche Bekanntschaft oder gar Freundschaft, die anders nie entstanden wäre.

Nach einer im Hotel verbrachten Nacht in Liestal rollen wir dann freitagmorgens wieder Richtung Heimat – erst über Landstrassen, schliesslich auch über die A7 und A6.

Zuhause angekommen: 3.489 km in 23 Tagen, von Meeresniveau bis zu etlichen Pässen und in Höhen von ca. 2.400 m ü NN, Aussentemperaturen zwischen 7 und fast 40°C, ein Durchschnittsverbrauch von knapp 11 Litern auf 100 km, kein Liegenbleiber, zwei oder drei kleine Mängel am 33 Jahre alten Auto – das hat besser funktioniert als befürchtet.

Und die 30-A-Sicherung ist schnell gewechselt, jetzt laufen auch die elektrischen Zusatzlüfter wieder.

Ich verstehe schon, wieso der W124 vor 40 Jahren dermaßen erfolgreich war: diese Modellreihe war ein grosser Wurf, und mit der richtigen Motorisierung und einer Klimaanlage ist das heute noch ein großartiges Reisefahrzeug gerade für lange Strecken.

Die „Reifeprüfung“ jedenfalls hat unser „Taxi Suisse“ mit Bravour bestanden.

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